Erasure Nation
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Erasure Nation

02.12.19Deborah Emmanuel

When I was in my favorite bar Kult Kafe, I heard some news. The building will be repossessed within the next few years for redevelopment. This bar is in a beautiful old colonial house on a hill, next to a park. I was sad, but unsurprised. The story is not new. My bandmate tells me that they might terminate his apartment lease because they want to tear down the building. The rooftop on Golden Mile Tower where I have performed many times is closed down. The old places never last, they are always erased.

Almost every place of my childhood is gone. Crumbled into dust. Pulverized by yet another machine. I want to talk about erasure. About how this system we have built to perpetuate itself is encouraged to remove the memory of our humanity for the sake of progress. It is encouraged to present ourselves in a manicured way to appeal to a specific audience.

We erase the undesirable.

Something I noticed about where I come from, Singapore, is that everything is either commodified or erased. In the news, we are depicted as a super-efficient utopian system: no crime, no political instability, no dissent, no chewing gum. In Singapore, anything inconvenient is removed, including the opposition. People are invisible; there are 1.5 million modern-day slaves who build our shiny buildings and meticulous infrastructure, who cook and clean and feed the children. They are poorly paid, the construction workers live under hideous conditions, but their right to welfare is erased. Human rights are not a priority where I come from, but the rich have every right they want.

Sometimes I feel so sad and helpless that this is the society I live in. What difference does it make for me to write my words or shout out my opinion on change if the people in power refuse to rearrange the structures which keep them on top? This question used to make me so tired. At some point, I decided that this is my way of making a difference so I may as well commit to it. I refuse to be erased, too.

Proofreading: Juliane Schallau

Ein Land löscht (sich) aus

02.12.19Deborah Emmanuel

In meiner Lieblingsbar Kult Kafe habe ich folgende Neuigkeiten gehört: Das Gebäude wird im Laufe der nächsten Jahre wieder vom Eigentümer in Besitz genommen, um saniert zu werden. Diese Bar befindet sich in einem wunderschönen alten Kolonialhaus auf einem Berg, gleich neben einem Park. Ich war traurig, aber nicht gerade überrascht. Eine solche Geschichte ist nichts Neues. Eines meiner Bandmitglieder hat mir erzählt, dass sein Mietvertrag nicht verlängert wird, da das Gebäude abgerissen werden soll. Die Dachterrasse des Golden Mile Tower, auf der ich viele Auftritte hatte, ist geschlossen. Die alten Orte sind nicht von Dauer, sie werden ständig ausgelöscht.

Nahezu alle Orte, die ich aus meiner Kindheit kenne, sind verschwunden. Zu Staub zerfallen. Von Maschinen zermahlen. Ich möchte über Auslöschung sprechen. Darüber, wie dieses sich selbst erhaltende System die Erinnerung an unsere Menschlichkeit um des Fortschritts willen beseitigt. Wie es uns Menschen gepflegt erscheinen lässt, um einem bestimmten Publikum zu gefallen.

Wir löschen das Unerwünschte aus.

In meiner Heimat Singapur wird alles entweder kommerzialisiert oder ausgelöscht. In den Nachrichten werden wir als überaus leistungsstarkes, utopisches System dargestellt: Keine Verbrechen, keine politische Instabilität, keine Unstimmigkeiten, kein Kaugummi. In Singapur wird alles Unpassende entfernt, einschließlich der Opposition. Menschen sind unsichtbar; es gibt 1,5 Millionen moderne Sklavinnen und Sklaven, die unsere funkelnden Gebäude und unsere akkurate Infrastruktur aufbauen, die kochen und putzen und unsere Kinder füttern. Sie werden schlecht bezahlt und leben unter furchtbaren Bedingungen, aber ihr Rechtsanspruch auf Sozialhilfe wird gestrichen. Wo ich herkomme, haben Menschenrechte keine Priorität, aber die Reichen haben alle Rechte, die sie sich wünschen können.

Manchmal fühle ich mich so traurig und hilflos, in dieser Gesellschaft zu leben. Welchen Unterschied macht es, meine Worte aufzuschreiben oder meine Meinung über den Wandel auszurufen, wenn die Menschen, die an der Macht sind, sich weigern, die Strukturen, die sie oben halten, umzugestalten? Diese Frage hat mich immer ermüdet. Irgendwann habe ich entschieden, dass dies meine Art ist, etwas auszurichten. Also sollte ich mich darauf festlegen. Ich weigere mich, auch ausgelöscht zu werden.

Übersetzung: Juliane Schallau

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Deborah Emmanuel

Deborah Emmanuel was born in 1988 and has been staging as a poet, a performer and a musician in Singapore and at international festivals. She published two books of poetry: „When I Giggle In My Sleep“ (2015) and „Genesis Visual Poetry Collection“ (2018), as well as the volume of prose „Rebel Rites“ (2016). With kindly support of the German Foreign Office, she was house guest at LCB in October 2019.

Deborah Emmanuel, 1988 geboren, ist als Lyrikerin, Performerin und Musikerin in Singapur und auf internationalen Festivals hervorgetreten. Zwei Gedichtbände liegen vor: »When I Giggle In My Sleep« (2015) und »Genesis Visual Poetry Collection« (2018), dazu der Prosaband »Rebel Rites« (2016). Mit freundlicher Unterstützung des Auswärtigen Amts war sie Hausgast im LCB im Oktober 2019.

Mit freundlicher Unterstützung des Auswärtigen Amts

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